Das machte Eva Reichstadt zur Oberbürgermeisterin von Weißenburg
Das Interview findet Ihr am Ende des Artikels.
Als Zugezogene erst fünf Jahre vor Ort, jung, weiblich, Mutter, ohne kommunales Amt, dazu ein eher unauffälliger, nicht auf Hochglanz polierter Auftritt in den Sozialen Medien, keine Werbeagentur an der Seite und Werbematerialien von der SPD-Stange, nämlich aus dem SPD-Shop. Und trotzdem ein überzeugender Sieg gegen zwei Mitbewerber bereits im ersten Wahlgang (der CSUler trat schon bei der letzten Wahl an und unterlag dem Amtsinhaber nur denkbar knapp – war also eindeutiger Favorit). Wie hat Eva Reichstadt das geschafft?
Weißenburg ist keine SPD-Diaspora, der amtierende OB ein Sozialdemokrat vom alten Schlage. Und doch: Das Ergebnis hat alle überrascht. Weil Eva alle überraschte. Mit Authentizität und mit einem starken Team im Ortsverein, dem man das Wort Team auch abkaufte in der Stadt. Weil der Begriff nicht zur Wahl ausgepackt und als Etikett angeklebt wurde, sondern seit Jahren mit Leben gefüllt wird. Und mit einem starken Team zuhause: Die Großfamilie lebt in einem Mehr-Generationen-Haus (was natürlich Gesprächsstoff ist) und alle zogen mit bei der Kandidatur – das Foto im Wahlkampfflyer machte das deutlich.
Zurück zur Authentizität. Wer sich verbiegt, um zu gefallen, wer im Wahlkampf eine Maske aufsetzt und plötzlich jemand anderes sein will, der kommt nicht weit. Das merken die Menschen. So gesehen hat Eva mit ihrem Wahlkampf-Auftakt alles richtig gemacht. Auffällige Radio- und Zeitungsberichte inklusive.
Eva ist sehr sportlich, sie joggt. Unter anderem. Hier das Team, da die zähe Ausdauersportlerin. Politik als Marathon. Fleiß. Kraft. Ausdauer. Was man so alles assoziieren kann, wenn eine OB-Kandidatin 53 Kilometer um Weißenburg joggt, von Stadtteil zu Stadtteil (17!) – und das an einem Tag! Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort inklusive. Das hat nicht nur Eindruck hinterlassen, sondern sie schlagartig bekannt gemacht.
Mit diesem Pfund im Gepäck ging es auf den nächsten Marathon: Stadteilfeste, Vereinsfeste, Bürgerfeste, sie hat sie wirklich alle monatelang besucht. Neben der Arbeit und ohne diese zu reduzieren. Mit eiserner Disziplin und Durchhaltevermögen. Wie bei den 53 km zuvor. Aber immer mit dem #TeamEva an der Seite. „Wir saßen nicht steif an einem Tisch, da die Sozis und die anderen nebenan. Sondern wir haben uns an verschiedene Tische verteilt und ich bin immer auch durch die Reihen gegangen und habe mich aktiv vorgestellt.“ Das ist doch die, die um Weißenburg gejoggt ist, an einem Tag! Ein schöner Türöffner für viele Gespräche.
Viele Gespräche führte sie auch auf ihren kommunalpolitischen Foren. So etwas gab es bislang in Weißenburg nicht. Dass man als Bürger einfach mitreden konnte zu aktuellen Themen. Dass da eine Kandidatin nicht von der Kanzel aus doziert, sondern nahbar auf Augenhöhe ehrliches Interesse zeigt. Auch das ein Baustein für den Erfolg im März.
Eva ist studierte Wirtschaftspsychologin, arbeitete jahrelang in großen Unternehmen. Und sie setzte dieses Wissen auch im Wahlkampf ein. Kein noch so kleiner Termin, der vorab nicht genau durchdacht wurde. Wo der Mitbewerber unvorbereitet oder floskelhaft unterwegs war, war sie stets sprachfähig und das immer passend zur jeweiligen Zielgruppe. Dabei immer authentisch. Das erforderte viel Arbeit und Fleiß. Aber das Ergebnis spricht für sich.
#TeamEva als Erfolgsgarant: Neben dem Ortsverein, der sich den Weißenburgern mit Veranstaltungen und Engagement schon Jahre vor der Wahl als tolles Team und eingeschworener Haufen präsentierte, war auch die Großfamilie Teil des Erfolgs-Teams: Der Schwiegervater war ihr Wahlkampfleiter, ihre Mutter – samt Vater frisch zugezogen aus NRW – kandidierte zur Unterstützung auf der Stadtratsliste und ihr Mann hielt ihr in der Familie den Rücken frei. Das Foto auf den 11.000 Wahlkampflyern bekam jeder Haushalt in den Briefkasten frei Haus – natürlich verteilt vom Ortsverein selbst!
BayernVorwärts: Die erste Frage beginnt nicht bei Adam und Eva, aber trotzdem dort, wo alles begann: Wie ging es denn los mit Dir und der Politik?
Eva Reichstadt: Konkret begann es 2015, aber geprägt bin ich sicherlich von zu Hause aus. Mein Vater hat im Wirtschaftsministerium in Düsseldorf gearbeitet und in der Rückschau ist mir deutlich geworden, dass Politik bei uns beim Abendessen immer schon Thema war, weil mein Vater von seiner Arbeit erzählte. Ich saß also ständig mit Ministern und Staatssekretären, die immer mal wieder zur Sprache kamen, gedanklich mit am Esstisch. Das hat mich natürlich geprägt. Politik hat also schon immer eine Rolle gespielt.
Dein Vater war auch Sozi?
Nein, der war eine Zeit lang in der FDP aktiv, ist aber nach wenigen Jahren wieder ausgetreten. Für ihn haben immer die liberale Werte eine große Rolle gespielt, aber trotzdem waren wir auch ein sehr sozialer Haushalt. Sozialdemokratische Überzeugungen, die wurden bei uns einfach gelebt, ohne dass jemand in der SPD gewesen wäre.
Und 2015 wurde es konkret …
Ja. 2015, da haben wir ja schon lange in Bayern gelebt und ich war mit unserem zweiten Sohn schwanger. Ich hatte mich schon länger mit dem Gedanken getragen, aktiv zu werden, dann war da die große Flüchtlingswelle. Ich war noch irgendwie zwischen Elternzeit und wieder Berufstätigkeit, jetzt auch mit der Verantwortung für die eigenen Kinder und dann wollte ich mich mal konkret umschauen, wo ich mich engagieren kann. Wir wohnten damals in Fürth und dann bin ich einmal bei den Grünen gewesen. Und die haben mich nicht so richtig abholen und überzeugen können, auch einfach von den Personen und wie die da organisiert waren. Dann schaute ich bei der SPD rein. Die sind in Fürth ja schon immer sehr stark. Das waren ganz klar die beiden Parteiströmungen, die für mich nur in Frage gekommen wären. Ja, und bei der SPD Fürth, da waren coole Leute, da waren auch viele Junge am Start. Die haben sich zu einem Bürgerstammtisch in der Kneipe getroffen und da hatte ich gleich das Gefühl, ja gut, da passt das jetzt, da gehör ich hin. Dann habe ich mich aber auch relativ schnell mit dem Fürther Landtagsabgeordneten Horst Arnold getroffen. Denn für mich war auch schnell klar: Also wenn ich das jetzt mache, dann will ich richtig aktiv sein. Dann will ich schauen, was möglich ist, wo ich aktiv werden kann. So kam ich zur damaligen AsF in Fürth, habe die wiederbelebt und auch relativ schnell dort den Vorsitz übernommen, wurde Stellvertretende Vorsitzende von der Südstaat SPD, dem größten Ortsverein in Fürth. Und dass wir dort mit Thomas Jung einen tollen OB haben, steht ja auch außer Frage. Es war einfach eine tolle Truppe vom OB bis zum Ortsverein. Das hat mir den Einstieg in die SPD schon sehr erleichtert.
Doch dann ging es nach Weißenburg …
Wir hatten familiäre Bezüge nach Weißenburg und somit auch die einmalige Möglichkeit, unser Wunschprojekt vom Mehr-Generationen-Wohnen mit meinen Schwiegereltern zu realisieren. Und so sind wir 2020 mitten in der Coronazeit nach Weißenburg gezogen. Dann war erst mal Corona, da war sowieso natürlich nichts los und kaum eine Möglichkeit, hier anzukommen und sich zurecht zu finden. In den Ortsverein hat mich dann der Vater eines Kindergartenkumpels einer meiner Söhne gebracht. Er hat mich zu einer Sitzung des OV eingeladen und dann waren das eben auch wieder richtig gute Leute. Das hat mir das Ankommen in Weißenburg und wieder in der SPD sehr erleichtert. Also bin ich im Ortsverein aktiv geworden, erst als Beisitzerin, dann als Schnellvertretende Ortsvereinsvorsitzende.
2023 hattet Ihr ein großes Jubiläum.
Ja, genau. Wir haben 150 Jahre SPD Weißenburg gefeiert, also ein echt großes Jubiläum. Unsere Vorsitzende war schon älter, hatte aber eine unheimliche Power und zusammen mit ein paar jüngeren Genossinnen und Genossen haben wir richtig viel auf die Beine gestellt in diesem Jubiläumsjahr und haben auch viele neue und vor allem junge Mitglieder gewinnen können. Das gab dem ganzen Ortsverein einen richtigen Schub. Und ist natürlich auch in Weißenburg aufgefallen.
Das Jubiläum war also sowas wie die Vorgeschichte zum Kommunalwahlkampf?
Wir hatten einerseits die große Jubiläumsfeier, wir haben in dem Jahr aber ein großes Fest für Kinder auf dem Marktplatz veranstaltet. Dieses Familienfest kam sehr gut an, ebenso wie unser traditionelles Fest im Wald an einem Grillplatz mit Wasserlauf, am sogenannten Römerbrunnen. Gerade dieses Familienfest auf dem Marktplatz, das hat schon weit getragen, da haben wir uns auch als starkes, eingeschworenes Team gezeigt. Davon hat dann später die Wahlkampagne profitiert.
Und wie kam es zur OB-Kandidatur?
Wir wussten, dass unser Oberbürgermeister von der SPD aufhören will. Also hat der Ortsverein nach Kandidaten gesucht. Und es gab auch einen aus unseren Reihen, dessen Vater hier auch eine lange Kommunalpolitische Geschichte hat. Sowohl im Ortsverein, als auch in der ganzen Stadtgesellschaft ging man davon aus, dass er das machen wird. Aber auch bei mir hat sich zu diesem Zeitpunkt die Idee verfestigt: Warum sollte ich das nicht auch probieren? Und dann hatten wir eine interne Klausur, um uns – weit im Vorfeld der Wahlen – schonmal auf den Wahlkampf einzustimmen. Wir beide haben dann gesagt, dass wir uns das grundsätzlich vorstellen könnten. Und nachdem wir noch so viel Zeit hatten bis zur Nominierung, haben wir uns darauf geeinigt, dass wir das kommende Jahr noch nutzen, um auf Veranstaltungen zu gehen, um uns bekannter zu machen. Aber auch, damit jeder für sich in Ruhe schauen konnte: Wie wäre das denn jetzt, wenn ich wirklich Kandidat wäre oder Kandidatin?! Wir haben uns dann tatsächlich dieses Jahr gegeben, um uns das zu überlegen. Am Ende sagte mein Mitbewerber nein und ich sagte ja. Das war im Frühjahr 2024. Und Ende 2024 hat mich mein Ortsverein dann nominiert. Ich hatte also gedanklich und organisatorisch eine sehr lange und intensive Vorbereitungszeit.
War diese frühe Nominierung, über ein Jahr vor der Wahl, bewusst so, weil man Dich bekannter machen wollte? Weil Du noch ohne Mandat warst und relativ neu in der Stadt? Andererseits kann man in einem so langen Wahlkampf ja auch viel falsch machen oder es kann einem hintenraus die Puste ausgehen.
Genau. Ich war zwar schon durch den ein oder anderen Verein oder private Aktivitäten hier und da bekannt. Weißenburg ist zwar eine Stadt, aber hat auch viele ländliche Ortsteile. Und deswegen haben wir einfach gesagt: So ein Wahlkampf braucht Zeit, um mich wirklich bekannt zu machen. Und wir wollten auch damit raus, bevor Anfang des Jahres unser großer städtischer Neujahrsempfang ist. Also hat der amtierende OB offiziell bekannt gegeben, dass er nicht mehr antritt. Und der OV hat sogleich mitgeteilt, dass er trotzdem super aufgestellt ist und hier eine Kandidatin hat.
Das war eine Überraschung vor Ort?
Absolut! Es gab etliche, die waren überrascht, dass das nicht mein früherer Mitbewerber aus unseren Reihen war. Und es gab natürlich auch wirklich viele, die einfach gar nichts mit mir anfangen konnten. Und gleichzeitig, glaube ich, war auch die CSU ziemlich überrascht und fühlte sich nun unter Druck gesetzt. So früh wollten die wohl nicht mit dem Wahlkampf beginnen.
Wie war dabei die Rolle Eures amtierenden OB?
Er hat das von Anfang an alles so mitgetragen. Und hat auch immer gesagt: Eva, du kannst jederzeit kommen und mich um Hilfe bitten oder mich was fragen. Aus dem Wahlkampf halte ich mich als amtierender Oberbürgermeister aber raus. Er hat sich also bewusst zurückgehalten und mich machen lassen, damit ich mein eigenes Profil schärfen konnte. Aber wenn es nötig war, hat er ganz eindeutig seine Solidarität und Fürsprache zum Ausdruck gebracht.
Jung. Frau. Mutter. War das im Wahlkampf ein Thema? Ich kenne noch eine Kandidatin aus dem Nachbarort, der hatte man gesagt: „Zieh erstmal deine Kinder groß, dann kannste wieder kommen und nochmal kandidieren. Aber jetzt wählen wir dich noch nicht.“
Ich hatte mich darauf eingestellt, dass das ein Thema werden könnte. Aber es war eigentlich keines. Zu meiner großen Überraschung. Mit diesen Klischees bin ich nie konfrontiert worden.
Schön, dass es auch mal so geht.
Am Anfang habe ich schon ein paar Mal gehört: Finden wir ja super, deine Kandidatur, aber ob Weißenburg schon bereit ist für eine Frau …? Darauf wusste ich auch oft gar nichts zu sagen.
Passend zum Thema: Das Familienfoto mit den Kindern und den (Schwieger)Eltern finde ich schon bemerkenswert. Das sieht man so nicht oft. Was habt Ihr Euch dabei gedacht?
Meine Kinder sind sonst im Wahlkampf gar nicht in Erscheinung getreten. Auch nicht auf Social Media, sie waren auch nur sehr selten mit auf Veranstaltungen dabei, auch mein Mann nicht. Bei der Frage aber, wie machen wir diesen Flyer, da wollte ich alle mit dabeihaben. Es gibt ja die klassischen Wahlkampf-Fotos mit Kandidat beim Sport, im Dialog, am Schreibtisch oder an der Werkbank. Oder eben das typische Familienfoto, auf dem sich alle so schön beim Fotografen positionieren und in Schale dafür werfen. Und genau das wollte ich nicht. Gleichzeitig ist die Familie aber auch der Grund, weshalb ich hier kandidiere. Weil wir eben mit meinen Schwiegereltern in einem Haus wohnen, weil meine Eltern noch vor wenigen Jahren in Nordrhein-Westfalen gelebt haben und inzwischen nach Weissenburg gezogen sind, meine Mutter sogar mit kandidiert hat im Wahlkampf. Dieser große familiäre Zusammenhalt, das macht mich aus. Und das wollte ich mit meiner großen Familie auf einem Foto zeigen. Mir ging es nicht darum, alle ins Schaufenster zu stellen. Hier schaut mal, eine intakte Familie. Ich wollte sie aber trotzdem mit dabeihaben, weil sie alle genau das transportieren, wofür ich stehe. Das wollte ich durch dieses Foto veranschaulichen. Daher dieser Schnappschuss und kein Hochglanz-Portrait.
Nochmal zum Flyer. Der war ja jetzt nicht so ungewöhnlich und auffällig, auch Dein Social Media-Auftritt war nicht sonderlich professionell und glattgebügelt. Auf den ersten Blick, von außen, fällt einem nichts ins Auge, wo man sagt: Ah, damit hat sie also gepunktet, deswegen hat sie so gut abgeschnitten. Es muss also etwas anderes gewesen sein, weshalb Dein Wahlkampf so erfolgreich war. Mal von Deiner Person abgesehen …
Das hast Du völlig richtig beobachtet. Wir hatten keine Agentur, ich habe das alles selbst gemacht. Das heißt: vor allem mein Wahlkampfmanager, das war mein Schwiegervater. Unser Augenmerk lag nicht auf Hochglanzvideos, sondern vielmehr darauf, eine Marke zu entwickeln, ein Profil zu schärfen, sich strategisch Dinge zu überlegen, mit denen man vor allem meine Inhalte transportiert und mich als Person.
Und Ihr habt Euch zusammen auch die Aktion zu Deinem Wahlkampf-Auftakt ausgedacht …?
Ja, genau. Anfang 2025, nach unserem Neujahrsempfang, habe ich mit einer Aktion das erste Mal mehr Aufmerksamkeit erregt und auch wirklich gute Presse gehabt Ich bin begeisterte Sportlerin und Läuferin, also bin ich einmal um Weißenburg gelaufen. Alle 17 Ortsteile abgelaufen, das waren am Ende 53 km. Das habe ich an einem einzigen Tag gemacht, hatte eine ganz gute Ankündigung in der Presse, auch auf Social Media und sogar einen Radiobeitrag. Das war natürlich eine Aktion, die mal so richtig aus der Reihe fiel. Ich habe über den Tag hinweg, in jedem Ortsteil, mit einem kurzen Instagram-Video die Menschen mitgenommen, die das online nachverfolgen wollten. Und kam vor Ort hier und da auch mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch. Das hat im Nachgang noch mal gute Presse gegeben und ab da haben mich danach relativ viele Menschen auf der Straße angesprochen. Das hat Eindruck gemacht und blieb in den Köpfen hängen.
Das wird Dir aber nicht jeder Kandidat nachmachen können, um ähnlich erfolgreich zu sein …
Nein. Ich will jetzt nicht damit sagen, jeder soll einmal seine Stadt oder seinen Landkreis ablaufen, aber man sollte sich schon überlegen: Was zeichnet mich vielleicht auch eben losgelöst von der Parteiarbeit aus, wer bin ich? Und wie kann ich durch eine passende Aktion das bildhaft und greifbar machen? Was ich gemacht habe, das war authentisch. Ich laufe sowieso gerne rund um Weißenburg, also jetzt eben diese Strecke. Das hat einfach zu mir gepasst. Was mir als Botschaft dabei aber auch wichtig war – und das kann jeder vor Ort genauso machen: Ich wollte zeigen, dass mir alle Stadtteile wichtig sind, dass ich sie sehe. Dass ich mir die Mühe mache, sie alle zu besuchen. Das war eine Botschaft, die ich damit transportieren konnte, indem ich einfach nur meinem Hobby nachgegangen bin.
Das war der große Auftakt. Wie ging es weiter?
Das war im April 2025 und dann kommt Mai, Juni, Juli. Da finden hier überall Feste statt. Ich bin wirklich ohne Ausnahme konsequent auf jedem Ortsteilfest gewesen. Ob von der Feuerwehr oder vom Schützenverein, ich habe kein einziges dieser Feste ausgelassen. Das kam gut an.
Auf einem Fest geht man als Kandidatin auch schnell verloren. Große Grußworte gibt es da nicht, eine Vorstellung mit Mikro schon gar nicht. Wie hast Du da Aufmerksamkeit erreicht?
Das stimmt, daher habe ich immer geschaut, dass ich da jemanden kannte, dass ich wo andocken kann. Das muss man natürlich vorher genau organisieren und darf das nicht vor Ort dem Zufall überlassen. Das ist in manchen Ortsteilen leichter gewesen, weil dort aus dem eigenen Ortsverein jemand wohnhaft war. Aber anderswo hat eben mein Lauf geholfen. Ab da hatte ich dann schon zumindest insoweit eine Bekanntheit, dass jetzt die meisten auf den Festen mit meinem Gesicht was anfangen konnten. Vor Ort darf man aber auch nicht in seiner Blase bleiben. Ich habe meinen Mitstreitern gesagt: Wir dürfen nicht immer alle an einem Tisch zusammensitzen. Wir müssen uns aufteilen, sonst können wir mit den Leuten nicht ins Gespräch kommen. Mich hatte das immer gestört: Da sitzt die SPD in einem Tisch und am nächsten Tisch sitzen die CSUler. Und die anderen aus dem Ort, die sitzen nebenan an anderen Tischen. Wir haben das aufgebrochen, haben uns aufgeteilt und an möglichst viele Tische gesetzt. Auch schon unter dem vorherigen OB, wenn der die Info-Veranstaltungen in den Ortsteilen hatte und wir sind da zu zehnt gekommen, dann haben wir uns an drei, vier verschiedene Tische gesetzt und notgedrungen mussten sich dann auch die Ortsteilbewohner zu uns dazu setzen. Nur so kommt man miteinander ins Gespräch. Das klappt mal gut, mal weniger gut, wurde aber größtenteils sehr positiv aufgenommen. Ich bin dann vor allem auf den Festen oft auch von Tisch zu Tisch zu gegangen. Da musste ich mich schon überwinden, aber die positiven Rückmeldungen haben mich schnell bestärkt. Das kam an, weil man offen und aufmerksam auf die Menschen zugegangen ist und nicht separiert am Tisch saß, ein Foto gemacht hat und „Gute Gespräche“ drunter geschrieben hat auf Instagram.
Deine Bekanntheit durch den 53km-Lauf war also der Türöffner?
Ja, dieser Lauf, den kann man da nicht zu geringschätzen. Das hat schon sehr geholfen, um ins Gespräch zu kommen.
Warst du schon immer so offen und kommunikativ, oder ist das mit der Kandidatur gewachsen? Wusstest du vorher: Das kann ich, das will ich. Oder bist Du da einfach reingerutscht?
Ich war schon immer kommunikativ und sehr aufgeschlossen und bin auch immer schon gerne unter Leuten gewesen. Dass ich das jetzt so konnte, ob mir das jetzt im Vorfeld so explizit klar war, weiß ich nicht. Das kam sicherlich auch mit dem Tun. Das hat mich an der einen oder anderen Stelle schon auch Überwindung gekostet. Aber durch die positiven Rückmeldungen wurde es natürlich mit jedem Mal leichter.
Hast Du auch Tür-zu-Tür gemacht?
Ja, aber weit weniger, als ich gewollt hatte. Da ich aber schon vorher so viele „Klingeln geputzt“ hatte auf den Festen überall, war ich auch so ganz gut im Kontakt mit den Menschen vor Ort.
Und Infostände?
Klar, wir haben einen so schönen Marktplatz, da bietet sich das an. Da ist auch samstags was los und die anderen Parteien sind da auch präsent. Also muss man auch vor Ort sein. Wir haben versucht, immer so ein bisschen interaktive Elemente mit einzubauen. Wir hatten eine Wünsche-Box, das war ein guter Aufhänger, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Wünsche sind aber nicht irgendwo verschwunden, sondern der Ortsverein und unsere Stadträtinnen und Stadträte arbeiten jetzt damit ganz konkret. Einmal hatten wir auch ein spezielles Thema, zu dem der Infostand war. Ansonsten aber schon eher klassisch, wobei wir aber auch da geschaut haben, dass wir viele sind und möglichst aktiv auch auf die Menschen zugehen. Das hat super funktioniert und so haben die Leute auch schnell gespürt, dass wir so einen ganz starkes Teamgefüge hatten, unsere Kandidaten und ich.
War das alles an Veranstaltungen?
Bevor die Infostände in den letzten sechs bis acht Wochen losgingen, habe ich noch „Kommunalforen“ ins Leben gerufen, insgesamt vier. Das erste war zum Thema Wohnen. Da hatte ich von zwei hier ansässigen Wohnungsbaugenossenschaften die geschäftsführenden Vorstände da und einen ehemaligen Kreisbaumeister. Als Moderator hat mich noch Prof. Dr. Alexander Schraml bei diesen Foren unterstützt. Das war im letzten Halbjahr vor der Wahl. Auch eine Stadtratskandidatin hat von sich aus so eine Veranstaltung organisiert. Das hatte dann eine eigene Dynamik entwickelt und darüber wurde auch gesprochen, vor allem auch über die zum Thema medizinische Versorgung vor Ort. Von vielen aus der Bevölkerung kamen auch Rückmeldungen, wie toll das gewesen sei, dass man als Bürger die Möglichkeit bekommen habe, aktiv mitzudiskutieren und sich zu beteiligen. Diese Foren werde ich als OB auch fortsetzen, noch in diesem Jahr geht es weiter, jetzt in neuer Funktion. Das gab es bisher so noch nicht, weder im Wahlkampf noch von einem OB.
Und sonst?
… habe ich viele Unternehmen besucht, auch gerade zum Ende hin. Darüber wurde immer ganz gut berichtet. Und wir hatten ein ganz tolles, neues sehr aktives Jugendparlament und eine Schülervertretung aus der Mittelschule, zu denen hatte ich einen guten Draht. Da kommt dann aber auch wieder mein Wahlkampfberater ins Spiel: Ich habe mich schon auch immer sehr gut vorbereitet. Auf jeden noch so kleinen Termin und egal ob bei den Schülern oder in der Industrie. Das hat womöglich am Ende auch einen Unterschied gemacht.
Du bist Wirtschaftspsychologin. Inwiefern hat Dir das im Wahlkampf genutzt?
Beim Umgang mit Menschen ist das schon von Vorteil, man hat ja doch einen ganz anderen Zugang und eine ganz andere Denke von Aktionen und Reaktionen. Und man lernt, was wie auf Menschen wirkt und was nicht. Welche Zielgruppe will ich jetzt mit einer konkreten Aktion erreichen? Wie bleibe ich dabei authentisch? Also alles durchdacht vorab. Und durchgespielt, was auf mich zukommen könnte. Dabei hat mir meine Ausbildung schon geholfen. Und mein Wahlkampfmanager. Man muss aber auch ehrlich sagen, das hat schon auch viel Raum eingenommen, sich darüber so viele Gedanken zu machen.
Wie hast du das zeitlich hingekriegt? Hast du dann bewusst weniger gearbeitet?
Nein, ich hatte in meinem Job vorher 30 Stunden. Und ich habe die Arbeitszeiten nicht reduziert, über den gesamten Wahlkampf nicht. Ich habe auch keinen Urlaub genommen. Aber natürlich einige Minusstunden aufgebaut.
Was waren Eure Wahlkampfmittel? Habt Ihr zusätzlich Anzeigen geschaltet?
Nein, Anzeigen in der Zeitung hatten wir nicht. Ich hatte nur eine Danke-Anzeige. Wir hatten Plakate, wir hatten vor allem Bauzaun-Banner in allen Ortsteilen. Ich hatte auf den Plakaten nur ein Motiv, das war ganz schlicht, auch ohne Slogan oder sowas. Eva Reichstadt, meine Oberbürgermeisterin. Und schon von Anfang an hatten wir aus dem SPD-Shop eine Postkarte mit Foto und Lebenslauf. Das war meine Visitenkarte, die habe ich überall verteilt, wo ich war. Zum Jahreswechsel haben wir einen Neujahrsgruß vom Stadtratsteam händisch im gesamten Stadtgebiet und allen Ortsteilen verteilt, das kam auch sehr gut an, weil man uns natürlich beim Austragen auch gesehen hat.
Ein fleißiges Team, nicht mehr selbstverständlich!
Ja, wir hatten aber auch eine gute Mischung aus Jung und Alt. Und alle waren eingebunden. Auch die Jungen – nicht nur um Plakate aufzuhängen, sondern auch auf der Liste und in all unseren Diskussionen und Entscheidungen. Das war schon wichtig für den Teamgeist.
Mit diesem Team im Rücken hast Du die Wahl gewonnen. Und jetzt? Du hast keine eigene Mehrheit im Rat. Wie reagieren Verwaltung und Rat darauf, dass da plötzlich eine junge Frau den Ton angibt?
Mein Vorgänger im Amt, unser Oberbürgermeister Jürgen Schröppel, verstarb plötzlich neun Tage vor seinem Ruhestand. Von daher war der Start natürlich alles andere als normal. Ich hatte noch ein paar wenige, wertvolle Tage mit ihm gemeinsam vor der Amtsübernahme. Aber die Lücke, die er hinterlässt, die spürt man in der ganzen Stadt noch heute. Das war schon alles sehr bedrückend für uns alle in der Verwaltung und für mich natürlich nicht leicht, ihm auf diese Weise nachzufolgen. In der Verwaltung wurde ich sehr gut aufgenommen, ich werde unheimlich viel unterstützt. Die positive Haltung mir gegenüber habe ich noch an der Seite von Jürgen gespürt und auch jetzt, da er nicht mehr da ist.
Und wie hilft Dir jetzt die Wirtschaftspsychologin in Deinem neuen Amt?
Ich habe das Gefühl, dass ich nicht nur aus meiner Ausbildung als Psychologin einiges mitnehmen kann, sondern auch aus meinen vorherigen Jobs. Ich habe erst lange bei einer Bank und dann bei den Stadtwerken in der Personalabteilung gearbeitet und da ging es auch um Strategie. Organisationsveränderungen, da kann ich bei ganz vielen Sachen gut andocken. Natürlich sind da auch viele verwaltungsspezifische Themen, die ich erst lernen muss, aber in Organisationsstrukturen zu arbeiten, das ist mir überhaupt nicht fremd. Auf der politischen Seite ist es erstmal langsam angelaufen. Der plötzliche Tod unseres Oberbürgermeisters hat schon einen großen Zusammenhalt gezeigt und eine große Anteilnahme, das hat schon die Stimmung anfangs geprägt. Wie viel überparteiliche Zusammenarbeit künftig möglich sein wird und wie meine Rolle dabei, das muss sich erst noch im Ratsalltag zeigen.