Mit einem Medienspektakel in der Münchner Allianz Arena wurde vor einem Jahr der Startschuss für die bayerische Mittelschule gegeben: Kultusminister Spaenle bot mit vbw-Präsident Rodenstock und Uli Hoeneß sowie Oliver Kahn Prominenz aus Wirtschaft und Sport auf, um den „neuen Wein in alten Schläuchen" in einem attraktiven Licht erscheinen zu lassen. Jetzt gehen in wenigen Tagen die ersten Mittelschulen tatsächlich an den Start - und: Nichts hat sich geändert! Die Kinder bleiben trotzdem der neuen Mittelschule fern, weil die Eltern den Etikettenschwindel schnell durchschaut haben, stellt der SPD-Bildungspolitiker Martin Güll fest.
Jetzt kommt also Teil zwei in der Vermarktungsstrategie: Ein Festakt im schönen Kuppelsaal der Münchner Staatskanzlei. „Um ihr Konzept zu vermarkten und von den Defiziten der Hauptschulreform abzulenken, scheut die Staatsregierung keine Steuermittel", kritisiert der SPD-Abgeordnete. Am kommenden Montag will Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer höchstpersönlich der Mittelschule zum Durchbruch verhelfen und einem erlauchten Kreis von Mittelschulrektoren eine Urkunde für ihre neue Schule in die Hand drücken und gleichzeitig eine bildungspolitische Grundsatzrede halten.
Güll: „Vor welchem Publikum nur? In Oberbayern wurden gerade mal zwei neue Mittelschulen ausgewählt, eine aus dem Stimmkreis von Horst Seehofer, die andere aus dem Stimmkreis des Staatssekretärs Marcel Huber. Ich verstehe ja, dass die Regierungsmitglieder wenigstens in ihren Heimatlandkreisen um Zustimmung buhlen." Die anderen neuen Mittelschulen wüssten von dem Festakt gar nichts, so Güll; die bekämen ihre Urkunde irgendwann einmal durch die Beamten der Bezirksregierungen ausgehändigt.
Der SPD-Bildungspolitiker ist verärgert. „Statt die bayerischen Schulen wirklich mit mehr Lehrern und kleineren Klassen auszustatten und ihnen damit die Voraussetzung für die von Spaenle so hochgelobte individuelle Förderung zu schaffen, investiert man ihn Festakte, um die dramatischen Probleme gerade in der Hauptschullandschaft zu vertuschen." Was jetzt notwendig sei, um den vielen bayerischen Kommunen für ihre Schule eine echte Perspektive zu geben, seien tatsächliche Entscheidungskompetenzen und entsprechende Finanzmittel, damit sie für ihre Regionen bedarfsgerechte und passgenaue Schulangebote machen können, die die Eltern auch annehmen. Güll: „Die Mittelschule ist der falsche Weg. Daran ändert auch eine Werbekampagne nichts. Was die Eltern wünschen, ist eine echte mittlere Reife in jedem Schulhaus. Dafür wird die SPD-Landtagsfraktion in Kürze ein interessantes Schulmodell vorstellen."